Abschiedsinterview: Trainer Dirk Wagner im Gespräch mit dem „Neuen“ Trainer Robert Richter

Der „neue“ ESV-Trainer Robert Richter interviewt …
… den „alten“ ESV-Trainer Dirk Wagner – den es nach acht Jahren wieder zurück in seine alte Heimat zieht

Addio Dirk!

Nach acht intensiven Jahren an der Stammstrecke kehrt Dirk Wagner nun zurück in seine alte Heimat nach Nordrhein-Westfalen. Mit ihm wird DAS prägende Gesicht der Hockey-Erfolgsstory ESV den Club verlassen. Von Allen, mit denen er jahrelang intensiv zusammengearbeitet, Neues entwickelt, Rückschläge verarbeitet und vor allem viele, viele Erfolge gefeiert hat, konnte er sich vorerst leider nur schriftlich verabschieden und wird das persönliche „Addio“ nachholen können – nach dieser „Ära“ sicher mehr als ein Wermutstropfen. Anlass für uns, bei Dirk nochmal genauer nachzufragen, wie er sich am liebsten verabschiedet hätte und wie er die aktuelle Situation empfindet – vor allem aber, was der ESV für ihn bedeutet, was er aus seiner Nymphenburger Zeit mitnehmen wird und was er seinen Eisenbahner:innen für die nächsten Schritte mit auf den Weg geben möchte.

Robert:
In Deinem Abschiedsbrief an die Hockeymitglieder schreibst Du eingangs, dass Du „mit einem guten Gefühl und einem Lächeln“ aus München weg gehen wirst. Du zählst einige der vielen vielen Erfolge auf dem gemeinsamen Weg auf. Wie hättest Du, fantasieren wir Corona jetzt einfach mal aus der Welt, Dich gerne verabschiedet und wie hättest Du Deine erfolgreiche Zeit im ESV gerne abgerundet?

Dirk:
Wenn ich es mir überlege, hätte ich gerne noch eine gute Hallensaison gespielt. Was meine ich mit „gut“: Dass ich in und mit meinen Teams eine gute technische, taktische, athletische und mannschaftliche Entwicklung durchlaufe. Wenn alle an einem Strang ziehen, und da zähle ich mich mit dazu, dann kommt der sportliche Erfolg meistens von alleine. Ich hätte es mir auch gewünscht, mit meinen Teams und mit dem Verein eine schöne Abschlussveranstaltung zu haben. Aber ich habe es schon versprochen, dass wir dies beim Sommerfest nachholen.

Robert:
Das Hockeyhaus ist dekoriert mit Wimpeln, die die ESV-Mädels mit Dir an der Seitenlinie gewonnen haben. Seit Deinm Amtsantritt sind die ESV-Mädels regelmäßig mit unter den Titelträgern. Und es sind auch die ersten in der langen Geschichte der Hockeyabteilung, der erst in den letzten Jahren auf die Erfolgsschiene gesetzt wurde. Mittlerweile ist die Abteilung die größte in Bayern und verfügt über gute Strukturen. Top Trainer und und eine gute Infrastruktur alleine ermöglichen aber sicher nicht solche überragenden Erfolge wie die DM 2017 und die zahlreichen bayerischen und süddeutschen Titel. Was macht den ESV für Dich aus? Was hat es möglich gemacht, dass der Club ohne große Geschichte und bis dahin ohne Leistungskultur nun schon über Jahre stabil mit die erfolgreichsten Teams in Bayern und immer wieder auch darüber hinaus stellt?

Dirk:
Eins möchte ich mal klarstellen, Natascha, Amrei und Mario haben auch viele Wimpel mit Ihren Teams geholt. Der Aufgalopp war der Titel der Mädchen B 2013 in Pasing. Da war schon mächtig Zug drin. Und dann kam die Erfolgsstrecke in Fahrt. Im Mädchen A-Bereich hatte uns aber immer noch das „i-Tüpfelchen“ gefehlt. Wir sind zwar Bayerischer Meister geworden, aber bei der DM-Zwischenrunde haben wir uns noch nicht durchsetzen können und auch bei der ersten DM-Teilnahme in der Halle haben wir noch das Halbfinale verpasst. Den nächsten Schritt haben wir 2016 als wJB gemacht. Der Erfahrungsschatz aus den letzten Jahren und einige starke Zugänge von außerhalb haben dazu gefürt, dass wir mit einer auch auf den Poitionen 14, 15, 16 stark besetzten Mannschaft im wJB-Bereich zwei überragende Jahre gespielt haben. 2016 sind dann unsere Mädchen A mit Natascha auch parallel Beyerischer Meister geworden und haben das deutsche Viertelfinale auch nur knapp verloren. 2017 hatten wir wieder zwei starke Mannschaften, haben dann aber klar die Priorität auf die wJB gesetzt und die starken A-Mädels mit hochgezogen. Aus meiner Sicht ist es bei dem Niveau, dass das Jugendhockey mittlerweile in Deutschland erreicht hat, kaum möglich als Verein national in allen Altersklassen auf dem top Niveau zu spielen, weil man schon auf jeder Position sehr gute Spieler:innn braucht. 2017 hatten wir uns als Ziel gesetzt, die Deutsche Endrunde zu erreichen, dass wir dann an dem Endrunde-Wochenende so dominant gespielt und den Titel gewonnen haben, damit war nicht zu rechnen gewesen. Das Viertelfinale gegen Rot-Weiß Köln beispielsweise war noch super eng gewesen. 

Zu der Leistungskultur: Die Erfolge haben die Mädels selbstbewusster gemacht. Auch in den nächsten Saisons sind sie immer mit der Haltung ins Spiel gegangen „Das gewinnen wir“. Sie wurden cooler und druckresistenter. In der Hallensaison 17/18 haben wir bei Endrunden zweimal auch bis kurz vor Schluß noch hinten gelegen und dann noch die entscheidenden Tore gemacht. Für die Jüngeren war das natürlich auch ein großer Push. Auch die B- und C-Mädchen haben ein, wie ich es immer nenne „Hero-Denken“ entwickelt und ihren Vorbildern nachgeeifert. So sind wir in einen Flow gekommen. Und das hat sicher auch die Mädels, die vorletztes und letztes Jahr als Mädchen B und Mädchen A Bayerischer Meister geworden sind entscheidend mit geprägt. Jüngere Mädels sehen, was die großen so machen und eifern ihnen nach. Dies gepaart mit Hochspielen, -trainieren und sehr viel Ehrgeiz von allen Seiten macht eine gute Mischung aus. Durch den Erfolg wird man auch attraktiv für andere Spieler:innen und dies hat uns auch sehr geholfen. Natürlich muss es auch neben der Mannschaft alles gut funktionieren, also gute Betreuer, Trainer, Eltern usw.

Robert:
Was ist Deines Erachtens entscheidend, um einer solchen Entwicklung schon im Kinderbereich den Weg zu bahnen?

Dirk:
Ganz allgemein haben wir von Anfang an versucht, ein „professionelles Hobbydenken“ zu verankern. Was meine ich damit? Erstens, dass wir von Trainerseite aus die Pläne mit allen Terminen zu Turnieren, Camps usw. Frühzeitig verschickt haben. Und mir ist es auch bei den jüngeren Jahrgängen ganz wichtig, dass dir Fsmilien es einrichten, dass die Kinder spielen, auch wenn es eine Einladung zu einer Geburtstagsfeier an einem Spieltag gibt. Mit etwas Kompromissbereitschaft, dass die Kinder dann bspw. nur die ersten beiden Spiele mitmachen, ist da immer etwas zu erreichen. Insgesamt sind wir auf mehr Turniere auf hohem Level gefahren. Über Trainerkontakte haben wir die Teilnahmen bei Turnieren auf hohem Level etabliert. Wir waren regelmäßig in Hamburg bei Flottbeck, in Bremen, Mannheim, Frankenthal und Berlin. Mir ist es wichtig, ab dem C-Bereich über Vergleiche mit anderen guten Teams einen Leistungsgedanken und ein Selbstverständnis reinzubekommen. Bei den Turnieren sehen die Kinder das Niveau, an dem wir uns orientieren wollen. Ist man noch nicht gut genug, sieht man, woran man arbeiten muss. Steht man im Vergleich schon gut da, ist das eine schöne Bestätigung und Ansporn, weiter zu machen, denn die Anderen werden sich auch reinhängen, um beim nächsten Mal besser zu sein.
Wie stellt Ihr euch denn in der Zukunft dies so vor? Hochspielen und –trainieren und die Turnierfahrten, wird dies so fortgeführt?

Robert:
Ja, grundsätzlich auf jeden Fall! Dazu herrscht im Trainerteam mit Max, Ruperto, Kai & Co. auch für die
Zukunft Einigkeit. Auch bei den begrenzten Platzmöglichkeiten wollen wir alle Talente bestmöglich fördern und allen neben zwei Mannschaftstrainings auch eine dritte Stockeinheit im Club in der nächststärkeren Trainingsgruppe ermöglichen. Und weiterhin werden die stärksten Spieler:innen auch die Möglichkeit bekommen, sich in der nächsthöheren Altersklasse mit auszuprobieren, sei es als hochspielendes Team in ihrer Jahrgangsgruppe oder als individuelles Bonbon in den ersten Mannschaften der Älteren. Und die Turnierfahrten werden wir auch wieder mit allen Teams aufnehmen, sobald es möglich sein wird.
Du warst auch bei Deinen früheren Station extrem erfolgreich. Beim Club Raffelberg warst Du mit Deinen Jungs-Teams ganz oben dabei und hast einige herausragende Spieler mitgeformt. Mit dem DHC Hannover, ebenfalls keiner der ganz großen Namen im deutschen Hockey, hast Du mehrere Jugendwimpel gewonnen und Spielerinnen in die Bundesliga begleitet. Gibt es einen gemeinsamen Nenner dieser Erfolge? Was macht Dein Coaching und Deine Perspektive auf das Spiel über die Jahre aus? Und was hat sich vielleicht auch geändert?

Dirk:
Erfolge sind immer sehr harte Arbeit. Das bedeutet mehr als zweimal Training im Club plus den einen Termin mit der Landesauswahl. Das bedeutet für die Spieler:innen on top gezieltes Athletiktraining, auch mal extra Eckentrainings, Frühtrainings, Maßnahmen in den Ferien. Und für die Trainer bedeutet das vor allem, mehr ins Detail zu gehen. Auf dem Platz und vor allem auch am Video an individuellen Stärken und Schwächen zu feilen. Das sind die Nuancen, die am Ende den Unterschied machen.
Das Osterturnier in Holland ist für Alle mit den Spielen gegen internationale Topteams, gegen Auswahlmannschaften aus Belgien, Polen, Russland oder auch mal Kanada immer ein besonderes Highlight. Und es ist cool zu sehen, dass man gegen die auch gewinnen kann. Nur im Sommer sollen alle mal wirklich ein paar Wochen Pause machen und vom Hockey abschalten.

Robert:
Und wie siehst Du das für die jüngeren Kinder?

Dirk:
Im D- und C-Bereich können zwei Hockeytrainings in der Woche noch absolut ausreichen. Das ist es auch gut, wenn die Kinder parallel noch einen anderen Sport machen. Vielseitigkeit in diesem Alter bringt später mehr. Der Fokus muss noch nicht auf dem Hockey als Sportart liegen. Tennis schult zum Beispiel die Beinarbeit und die Auge-Hand-Koordination. Ballet schult die Beweglichkeit. Eine breite sportliche Grundlage ist das, was zählt. Schwierig ist, dass die meisten Kinder heute längere Schulzeiten haben. Der ESV trägt dem ja auch Rechnung und bietet auch in den jungen Altersklassen ein vielseitiges Athletiktraining an. 

Robert:
Du beschreibst einen gezielten, langfristigen auf Nachhaltigkeit abzielenden Aufbau. Nichts desto Trotz ist es auch in den am Besten arbeitenden Vereine immer wieder auf der Tagesordnung, dass Jugendliche ab einem bestimmten Alter neue Dinge für sich entdecken und überlegen, wie sie die mit intensivem Leistungssport unter einen Hut bekommen können bzw. ob sie das überhaupt noch wollen. Wie gehst Du gerade in dem sensiblen Jugend B- und Jugend A-Alter damit um?

Dirk:
Ich sehe im Hockey auch einen klaren Benefit neben dem Sport. Wenn sich zum Beispiel mit 16, 17 jemand fragt, will ich das noch?, schaffe ich das noch?, dann sage ich den Mädels immer, dass Hockey auch ein Türöffner ist. Will man zum Beispiel Zahntechnik studieren, dann ist die Uni Heidelberg dafür ideal. Und dort gibt es in der direkten Umgebung drei attraktive Vereine, in denen man auf jedem Level spielen kann. Dort kann man dann gleich Freundschaften knüpfen, bekommt einen super Zugang zur Stadt. Das Wertvollste am Mannschaftssport allgemein ist meines Erachtens immer die Bindung an ein Team. Das kann nichts Anderes ersetzen. Und wer richtig ehrgeizig ist, spielt eh weiter, weil er/ sie etwas erreichen will.

Robert:
Das ist ein gutes Stichwort, um nochmal zurückzukommen zu Deiner Idee des Spiels. Was macht gutes Hockey und was macht entsprechend auch gutes Coaching für Dich aus?

Dirk:
Ich habe immer sehr viel Wert auf ein paar Dinge gelegt habe. Ich versuche offensiv zu spielen. Ich finde dadurch finden Spieler:innen in (offensiven) Drucksituationen häufiger die richtigen Lösungen.
Auch versuche ich den Spieler:innen viel Freiraum im taktischen System zu ermöglichen. Ich mag kein „Roboter-Hockey“, in dem alles vorgegeben und -gesagt wird. Sondern die Spieler:innen sollen sich entfalten können und auch selber Lösungen suchen und finden.

Robert:
Wie transferierst Du diese Maximen in die konkrete Arbeit auf dem Platz? Was macht Dein Training aus?

Dirk:
Mir ist es immer wichtig, denn Spieler:innen Werkzeuge an die Hand zu geben. Ich ermutige sie dann, daraus, das Beste  für sich rauszusuchen. Die Kunst des Trainers besteht darin, Spieler:innen möglichst viele Werkzeuge im technisch-taktischen Bereich an die Hand zu geben. Jede:r ist individuell in der Umsetzung und macht sich spezielle Skills zu eigen. Dies gilt für alle meine Teams, egal ob groß oder klein, Oberliga oder Verbandsliga. Auch sind Entwicklungsschritte in jungen Jahren wertvoller, als der sportlich maximale Erfolg. Und sehr sehr wichtig ist auch der Spaß bei Allem. Dies hat beim ESV immer gut funktioniert und darauf bin ich schon stolz.
Wie siehst du denn dieses sehr komplexe Thema?

Robert:
Eigentlich hast Du ja schon fast alles auf den Punkt gebracht, was auch ich als Leitlinien für meine Arbeit sehe. Gleichermaßen den Maßstab für eine erfolgreiche nachhaltige Arbeit wie auch den Schlüssel für langfristig gute Ergebnisse sehe ich auch darin, die Freude daran zu vermitteln, sich gemeinsam mit Anderen und mit allem, was man hat zu engagieren, sich weiter zu entwickeln und seine Grenzen und Möglichkeiten stetig zu erweitern.
Du bezeichnet Dich selbst als Entwicklungstrainer und als Freund des Offensivhockeys. Wenn Du einem/einer jungen Trainer:in, wie wir sie jetzt hier im ESV vermehrt haben, drei Leitsätze für die Arbeit mit Nachwuchsspieler:innen und die  Auffassung von unserem Spiel mitgeben willst, welche sind das?

Dirk:

  • Jeder Trainer sollte authentisch sein und auch bereit sein, über den Tellerrand zu schauen.

Ich habe beispielsweise in den letzten Jahren neben den DHB-Fortbildungen auch immer mal in andere Sportarten geschaut. Viel konnte ich aus einer Basketball-Fortbildung des LSB mitnehmen. Aus Prinzipien wie dem Pick & Roll kann man auch viel fürs Hockey ziehen. Im Fußball hat sich in den letzten Jahren auch viel zum Thema Driecksbildung getan. Man hat immer zwei Anspiele, eins quer, eins steil. Wenn ich Fußballspiele sehe, dann sehe ich die immer auch durch die Trainerbrille.

  • Versucht eine gute spielerische und persönliche Bindung zu euren Spieler:innen aufzubauen.
  • Keiner ist perfekt, daher versucht ein gutes Team neben euch zu haben.

Robert:
Danke Dirk! Das ist für Viele sicherlich sehr wertvoll.
Zum ESV kamst Du vor 8 Jahren als einer der erfolgreichsten Jugendtrainer Deutschlands. Hier gab es zwar bereits ein gutes Fundament, aber noch keine leistungssportliche Tradition. Was waren damals die Beweggründe für Dich, Dich für den ESV zu entscheiden? In einem ESV-Interview hattest Du damals als Motivation genannt, „mehr Basisarbeit“ machen und „Kinder und Jugendliche in der Breite ausbilden zu wollen“, statt „Spitzenkräfte ans Limit zu führen“. Dann kamen aber doch recht schnell die Erfolge. Hattet Ihr damals von einer solchen Erfolgsstory träumen können? Was waren vor 8 Jahren die Ziele und Perspektiven?

Dirk:
Der ESV hatte die Stelle 2012 auzsgeschrieben und ich war über Sylvester Ski fahren im Zillerthal. Auf dem Hinweg konnte ich ein Bewerbungsgespräch unter anderem mit Thomas Steiner, der die Abteilung bis heute leitet, führen. Anfang Januar kam dann die Zusage. Ich habe mich sehr genau über den ESV informiert. Anlage, Einzugsgebiet usw. Ich habe den ESV als sehr gutes Projekt eingestuft. Du musst wissen, wir waren damals ca. 180 Jugendliche, hatten aber eine neue Anlage, mehrere Kindergärten und Grundschulen in der nahen Umgebung und ein Neubaugebiet in einem gewachsenen Nymphenburger Stadtteil. Also super Voraussetzungen.

Robert:
Super Voraussetzungen, die in den letzten Jahren dank herausragender Arbeit immer mehr zur Entfaltung gekommen. Aber aus damaliger Sicht noch keine Voraussetzungen für baldiges Tophockey. Warum hast Du Dich dafür und nicht für einen Club entschieden, der in seiner Entwicklung schon weiter war?

Dirk:
Ich mag lieber Projekte als mich ins gemachte Nest zu setzen. Mich hat es gereizt, aus einem kleinen Verein einen mittelgroßen oder großen zu machen. Ich habe ein Riesenpotential gesehen und wollte das Potential entfachen. Hinzu kam, dass ich mit dem damaligen Geschäftsführer Roger Zeißner, ebenfalls ein eingefleischter Hockey-Mann, von Anfang an auf einer Wellenlänge gewesen bin. Das Ziel war es, die Masse zu nutzen, eine Durchlässigkeit von unten nach oben zu schaffen, also von den Minis bis zur Jugend B alle Altersklassen zu besetzen und die Erwachsenenteams aus der eigenen Jugend zu speisen. Mit entsprechender Qualität, das war ja auch klar, würden wir auch schnell für Neu-Münchner attraktiv werden.
Dass der Erfolg sich dann so schnell einstellen würde und dass wir so extrem erfolgreich sein würden, damit habe ich ehrlich gesagt nicht gerechnet. Von einem DM-Titel habe ich bei der Vertragsunterzeichnung auf jeden Fall nicht geträumt.
Und ein weiterer Grund für den ESV war ganz klar, dass ich sehr gerne Ski fahre.

Robert:
Heute haben wir nicht zuletzt dank Deiner Ideen und Deiner Tatkraft die größte Jugendabteilung in Bayern. Und die ESV-Youngsters sind allgemein bekannt für ihre gute technische Grundausbildung und ihren guten Teamgeist. Die Erwachsenenteams mit vielen vielversprechenden Talenten aus der eigenen Jugend stecken aber im wahrsten Sinne des Wortes noch etwas „in den Kinderschuhen“. Vor dreieihalb Jahren hast Du in der SZ von dem möglichen „Projekt 2. Bundesliga“ gesprochen. Gleichzeitig haben einige der Nachbarvereine, allen voran der ASV und der traditionsreiche MSC in den letzten Jahren ebenfalls viel in ihre Strukturen investiert und verfügen jetzt beispielsweise über zwei Plätze. Alle Münchner Clubs setzen vermehrt auf hauptamtliche Trainer. Wie siehst Du den ESV aktuell in der der Hockeylandschaft Münchens und Bayerns?

Dirk:
In der Jugend sind wir so gut aufgestellt, dass man immer versuchen sollte, bei den Bs die Play-Offs also das Viertelfinale mit dem Norden zu erreichen. Bei den Älteren müsste man immer die Regionalliga spielen und mit sehr guten Teams auch  Bayerische Meisterschaften und Deutsche Zwischenrunden erreichen können. Und dann wird schon immer mal wieder auch mehr gehen können. Hat man das Glück, einen sehr guten Jahrgang zu haben, dann wird man auch schnell attraktiv für gute Spieler:innen. Und auch mit sehr guten Jahrgängen braucht man in entscheidenden Momenten mal Glück. Mit der wJB standen wir 2017 im Viertelfinale gegen Rot-Weiß Köln und standen eine ganze Zeit auch mächtig unter Druck. Da hatten wir das Glück, keinen reinbekommen zu haben und das Glück, vorne zu treffen und dann scheinbar klar mit 2:0 zu gewinnen.

Zu den Erwachsenen: Ich glaube immer noch, dass der ESV im Damenbereich in die 2. Bundesliga gehört. Jetzt spinnen wir mal. Wir haben in den letzten Jahren sehr viele sehr gute Spielerinnen an andere Vereine abgegeben. Wenn dies nicht gewesen wäre, wäre die 2. Bundesliga kein Problem gewesen. Dies soll kein Vorwurf sein, ich gönne jedem/jeder Spieler:in den Schritt zu einem hochklassigen Verein. Schade ist es trotzdem. Mit Jule, Yara, Cara, Sofie und Marie spielen etliche unserer Mädels jetzt in Bundesliga- und U-Nationalmannschaften. Ich glaube aber auch, dass die Damen in den nächsten Jahren an der 2. Bundesliga anklopfen können. Dafür braucht es natürlich noch etwas Geduld. Da muss noch ein größerer Erfahrungsschatz gesammelt werden. Die Herren sollten sich die Regionalliga als Ziel setzen.

Robert:
Und in puncto Infrastruktur?

Dirk:
Ein zweiter Kunstrasen wäre dafür natürlich sehr hilfreich. Man könnte besser (zeitlich) und auf größerer Fläche trainieren. Im Moment ist dies leider nicht möglich und man sollte dafür sorgen, dass dieses Projekt nicht in Vergessenheit gerät, aber auch, dass der alte Kunstrasen einen neuen Belag (2023) bekommt.

Robert:
„Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein“, ist eine alte Trainer-Binse. Was muss der ESV aus Deiner Sicht künftig besser machen, um sein Niveau zu halten und seine Position auszubauen?

Dirk:
Schwierige Frage. Ich glaube in der Antwort zur Frage nach meiner Coaching- und Hockeyidee ist viel mit drin.
Was siehst du denn als „Problemzonen“ im ESV? Und wie möchtest du diese gerne bearbeiten?

Robert:
Klar, die Arbeit auf dem Platz und mit den Teams ist immer die alles Entscheidende im Sport. Daneben haben wir die letzten Monaten im Trainerteam, ja auch noch vielfach mit Dir und vor allem auch gemeinsam mit unserem neuen Sportlichen Leiter Chri Stadler für eine umfassende Bestandsaufnahme genutzt. Gerade nach der Pandemie wollen wir wieder einen großen Fokus auf das Miteinander und das Clubleben legen, den ESV zu der Begegnungsstelle und zum Ort des auch spontanen Austauschs machen, den wir alle gerade so vermissen. Unser zweites großes Anliegen, ist die Arbeit im Club entlang der Leitlinien, die Du hier auch wieder genannt hast, auf mehr Schultern zu verteilen, gerade mehr starke Trainer zu fördern, die Know-How und den Funken der Begeisterung in alle Teams tragen.
Wo sieht Du, auch mit Blick auf die Infrastruktur den ESV im Spannungsfeld zwischen Familienclub und auch in der Jugend immer intensiverem Spitzensport? Und auch bei der Frage nach den „Problemzonen“ des ESV wie Du sie nennst, möchte ich Dich doch nicht so leicht von der Angel lassen …

Dirk:
Ich glaube der Spagat zwischen „Leistungs“- und „Breitensport“ muss funktionieren. Jeder, der Lust auf Hockey hat, soll auch ein Angebot bekommen. Dies ist eine große Herausforderung, da der ESV leider nur einen Kunstrasen hat und auch im Winter die Hallenzeiten rar sind.
Warum, ist auch einfach zu beantworten: die Kinder gehen immer länger in die Schule oder in die Nachmittagsbetreuung. Dadurch müssen wir mit den Kleineren immer später mit den Training beginnen. Dadurch verschiebt sich leider alles immer weiter nach hinten. Wenn man dann allen Spieler:innen ein gutes sportliches Angebot machen möchte, wird es schon logistisch schwierig.

Ein anderer wichtiger Punkt für das Zusammensein ist das Hockeyhaus. Ich würde mich sehr freuen, wenn dieses mehr genutzt wird. Man kann sehr viele Eltern für den Club gewinnen, wenn sie während des Trainings einen Kaffee trinken und einen leckeren Kuchen essen. Leider gibt es bis jetzt noch keinen Initiator, der dies federführend in die Hand nimmt. Eine Belebung der Anlage hätte aber auch noch weitere Vorteile. Wenn hier immer viel los ist und die Anlage immer proppevoll ist, dann wird man auch im Hauptverein stärker die Notwendigkeit verspüren, die halbe Million für einen zweiten Kunstrasen in die Hand zu nehmen. Einen kleinen aber ganz ganz wichtigen Schritt sehe ich darin, ins Hockeyhaus eine Bewirtschaftung zu bekommen. Und wenn erstmal an zwei, drei Nachmittag ab 17 Uhr Kaffee und Kuchen verkauft werden, das hätte schon einen Rieseneffekt. Vielleicht findet sich dafür ja eine gute Seele im Ruhestand.
Also diese zwei Baustellen: Belebung des Hockeyhauses und zweiter Kunstrasen, das sind die Themen, die der ESV bearbeiten sollte. Leider ist der zweite Kunstrasen ein sehr großer finanzieller Kraftakt, aber wenn man dem Hauptverein mit der Belebung der Hockeyanlage ein positives Zeichen zeigt, dann ist vieles möglich.

Robert:
Wir werden es – hoffentlich bald – wieder in Angriff nehmen. Du hast ja mehrfach betont, wie stark Du Dich im ESV verwurzelt fühlst, nur dass die Verbindung zu Deiner Familie und zu Deiner Heimatregion auf einem anderen Blatt steht. Das versteht sicher auch jeder. Spinnen wir jetzt aber noch einmal herum, dieses Mal in Richtung Zukunft. Würde es Dich nicht zurück nach Hause ziehen, wäre Bayern Deine Heimat, was wäre nach der bisherigen Erfolgsgeschichte Deine Motivation, Dich weiter im ESV zu engagieren? Was würdest Du persönlich hier gerne noch erreichen?

Dirk:
Ein paar Ziele habe ich schon oben geäußert. Auch ein „Titel“ für die Jungs wäre super. Ich habe sehr viel Herzblut in die Ausbildung der Jungs im Knaben D- und C-Bereich gesteckt und hätte ich mich MEGA über einen Titel gefreut, alleine, um auch bei den Jungs eine ähnliche Erfolgsstory in Gang zu bringen wie bei den Mädchen. Die Jahrgänge 02/03 sind jetzt dreimal Vizemeister geworden. Im Jungsbereich gibt es aktuell gute Voraussetzungen mit einem sehr guten Ausbildungsstand.

Was nimmst du/ihr euch für die nächsten Jahren denn vor?

Robert:
Ja, Deine Arbeit beim ESV wird oftmals vor allem mit den erfolgreichen Mädelsmannschaften assoziiert. Mit den Jungs hast Du aber nicht minder großartige Arbeit geleistet. Und ich bin zuversichtlich, dass die auch im männlichen Bereich Früchte in Form von guten Ergebnissen tragen wird. Im letzten Jahr haben wir neben dem Meisteritel der Mädchen A und der Vizemeisterschaft der wJA ja auch bei den Jungs mit zwei zweiten (mJA, KB) und einem dritten Platz (KA), bei jeweils nur knapp und etwas unglücklich verlorenen Entscheidungsspielen in Bayern Erfolge erzielt, die in diese Richtung zeigen. Das ist für alle Jungs eine gute Bestätigung ihrer bisherigen Anstrengung und vor allem Ansporn für die nächsten Schritte. Auf jeden Fall habe ich noch nie in einem Club mit einer so großen Zahl technisch starker hockeybegeisterteter Jungs arbeiten können. Da merkt man, dass da viel dahinter steckt. Und das macht auch allen Beteiligten mächtig Bock. Darüber hinaus sehe ich es wie Du: Wir sollten unseren Fokus darauf legen, unser Bestmögliches zu leisten und uns mit Freude immer weiter zu entwickeln – in allen Altersklassen mit allen Teams. Die Erfolge werden dann von selbst kommen, auch wenn die Konkurrenz bei den Jungs gerade in München zumindest in der Spitze aktuell erfreulich gut ist und keiner der „Topclubs“ bis zur Jugend B einen Titel wirklich seriös einplanen kann. Diese Challenge wird allen gut tun und viele tolle Hockeyspieler hervorbringen.
Ich hatte mich sehr auf die Zusammenarbeit mit Dir gefreut als ich im letzten März zum ESV gekommen bin. Ich habe nachgezählt, es waren inklusive zweier Sommercamps immerhin 18 Wochen, in denen wir im letzten Jahr auf dem Platz stehen konnten. Das heißt 34 Wochen oder 2/3 des Jahres ohne den geliebten Mannschaftssport auf dem Platz. Um die klassischen Corona-Fragen kommen wir also nicht herum. Du hast in Deinem Abschiedsbrief geschrieben, dass Du in diesem Jahr noch sehr viel gelernt hast. Wie hast Du die Zeit genutzt? Was waren Deine Learnings? Und hast Du vielleicht noch ein paar Tipps für Deine Jungs und Mädels und die Eisenbahner für den Umgang mit dem weiteren Fortgang der Pandemie?

Dirk:
Ich hätte gerne auch länger und intensiver mit dir zusammengearbeitet. Wie lange kennen wir uns schon? Beim Pfingstturnier in Mannheim haben wir uns ja fast jedes Jahr getroffen und immer intensiv ausgetauscht. Als Gegner haben wir uns immer geschätzt und dies hätte ich gerne besser „ausgenutzt“.

Robert:
Unsere erste Begegnung, an die ich mich bewusst erinnere, war bei einem Neujahrsturnier 2004 beim Harvestehuder THC. Du warst damals mit den Raffelbeger Jungs der Jahrgänge 86/87 dort und ich mit der mJB des TC Blau Weiss. Das waren auch großartige Teams. Und dann immer mal wieder, wobei wir uns sowohl mit TuSLi als auch zuletzt mit Rot-Weiß gegen die ESV-Mädels immer schon über Unentschieden freuen konnten. Wir haben von Euch vor allem immer viel gelernt … Doch zurück zu Deinen Learnings des Jahres.

Dirk:
Ja, das sind schon fast 20 Jahre … Ich habe in den Trainingseinheiten nach dem 1. Lockdown sehr viel gelernt. Kleinere Gruppen und spielen auf kleiner Fläche ist sehr zielführend. Das nehme ich mit. Ansonsten bin ich leider kein so großer Freund von Zoom o.ä.. Aber auch dies hatte einen kleinen Nutzen. Ein paar taktische Sachen, wie z.B. Ecken, konnte man da schon gut besprechen.

Was war dein Schwerpunkt beim Onlinetraining?

Robert:
Mir fehlt über Zoom auch immer das Gefühl der Verbindung zu den Teams. Neben den Workouts war es deswegen bei den Jungs und bei den Damen immer die Hauptintention überhaupt miteinander in Kontakt und in Berührung mit dem Schläger zu bleiben, sei es über kleine Technikchallenges oder gemeinsame, interaktive Videoanalysen, die wir aber grundsätzlich allgemein gehalten und unter das Motto „Horizonterweiterung“ gestellt haben.
Was glaubst Du bedeutet der Lockdown insbesondere für die Kinder und Jugendlichen und für den Nachwuchs-und Breitensport? Worin siehst Du jetzt die Aufgabe der Vereine und was wird Deines Erachtens besonders wichtig beim wieder Hochfahren?

Dirk:
Es ist extrem wichtig, den Bewegungsapparat wieder hoch zu fahren. Dies geht im Verein und in einer Mannschaftssportart am besten. Mir macht eher Angst, was aus den Kindern und Jugendlichen wird, die dies leider nicht nutzen können. Ich hoffe, dass dies keine schwerwiegenden Folgen für unser Gesundheitssystem in 20-40 Jahren hat.
Ansonsten sollte man nicht mit zu vielen Erwartungen an die ersten Monate gehen, sondern allen die Möglichkeit zu geben, langsam wieder hochzufahren.
 
Robert:
Hoffen wir, dass wir alle gemeinsam mit Dir ein schönes Sommerfest am 29. Juli hier im ESV feiern können werden und hoffen wird, dass wir bis dahin eine halbwegs „normale“ Feldrunde gespielt haben werden. Was wünschst Du Dir, dass Deine Eisenbahner:innen bis dahin auf den Weg gebracht werden? Was wäre für Dich das schönste nachgeholte Abschiedsgeschenk?

Dirk:
Ich wünsche mir einfach, dass alle ihrem tollen Hobby Hockey wieder nachgehen können und mit viel Spaß dabei sind. Ansonsten Gesundheit und bitte bitte keine schweren Coronaerkrankungen für alle.

Robert:
Und noch eine allerletzte persönliche Frage, die haben mir übrigens nicht die wJB-Mädels aufgetragen ;): Welche drei Dinge würdest Du mit auf eine einsame Insel nehmen?

Dirk:
Familie und Freunde, ich könnte nicht alleine auf einer Insel leben.
Was würdest du denn mitnehmen?

Robert:
Ich fand die Vorstellung von ein paar ruhigen Wochen auf einer einsamen Insel immer charmant und hätte als erstes und zweites gerne eine Hängematte und eine Bücherkiste mitgenommen, nach den letzten Monaten aber jetzt nur Nummer 3: Ein Speedboot, um auch wieder möglichst schnell zu Freunden und Familie zurück zu kommen.

Dirk:
Das würde ich maximal eine Woche aushalten. Ich brauche immer ein bißchen Action.  Wenn ich im Urlaub bin, zum Beispiel zuletzt auf Teneriffa, dann halten wir es nur einen Tag am Pool aus. Dann gehen wir wandern, besichtigen die Sehenswürdigkeiten, Höhlen, den Lava-Tunnel – und das Alles auf keinen Fall alleine. Corona ist definitiv nicht gut für mich.

Robert:
Vielen Dank Dir für das spannende Gespräch. Dir wünschen wir Alle von Herzen einen guten Start im Westen und ein baldiges, gesundes Wiedersehen!!

Article written by margit